"Seid Menschen!"

Für die Weihnachtsausgabe der Rhein-Neckar-Zeitung haben die beiden Leiter der katholischen und der evangelischen Kirche, Marius Fletschinger und Christof Ellsiepen, einen geistlichen Impuls zum Weihnachtsfest geschrieben. Er ist überschrieben mit dem Appell der 2025 verstorbenen Margot Friedländer: „Seid Menschen!” 

Die im Mai 2025 verstorbene Überlebende des Holocaust, Margot Friedländer, hat in diesem Jahr auch Eingang in die Krippe am Fluss gefunden.
Liebe Menschen in Heidelberg,
Interesse an anderen, Cleverness und der Mut der Verzweiflung waren ihre Rettung: Eine junge Frau konnte nur so die dunkelste Zeit ihres Lebens überstehen. Mehr als zwei harte Jahre musste sie improvisieren, untergetaucht, auf der Flucht und in Gefangenschaft, bis zur Befreiung. Ihre Geschichte ist dramatisch, ihre Persönlichkeit bewegend, ihr Name: Margot Friedländer.
Im Mai dieses Jahres ist sie gestorben, 103-jährig, als Jüdin, Überlebende des Nationalsozialismus. Wir können nur staunend fragen, wo diese außergewöhnliche Frau die Kräfte hernahm, sich bis zum Vorabend ihres Todes zu engagieren. Ihr Herzensanliegen war, als Zeitzeugin mit jungen Menschen (aus ihrer Sicht mit uns allen) zu sprechen, zu erinnern in einer Haltung der Versöhnung und mit ihrem klaren Appell: „Seid Menschen!“
Seid Menschen!
„Seid Menschen!“, das sollte man denken, ist nicht allzu schwer, wir sind es ja qua Geburt. In der Praxis sieht es leider anders aus: „Fast acht Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt“, singt Sido („Astronaut“). Wir erleben auf Social Media, im öffentlichen und politischen Raum Auseinandersetzungen in einer lange nicht gekannten verbalen Brutalität. Da werden Einzelne und Gruppen angegriffen, pauschal herabgesetzt, zum Schuldigen gemacht.
Das macht etwas mit dem Klima unseres Miteinanders: Es bleibt nicht bei Worten, Hetze führt zu Entzweiung, Hass und Entmenschlichung. Wenn wir aber die anderen nicht mehr als konkrete Menschen sehen, werden deren Menschenrechte bald mit Füßen getreten. Bis hin zu schrecklichsten Gewalttaten wie am australischen Bondi Beach, wo Menschen offenbar aufgrund ihres Jüdischseins sinnlos getötet und verletzt wurden. Ihnen und ihren Angehörigen gilt unser Mitgefühl.
In der Menschlichkeit liegt unsere Zukunft
„Nie wieder“, das haben wir uns in Deutschland nach dem nationalsozialistischen Terror und dem Holocaust im Schatten des Zweiten Weltkrieges geschworen. Aber das geht nicht von allein. Um nie wieder einen solchen Zivilisationsbruch zu erleben, müssen wir die Kultur des Miteinanders pflegen. Menschlich kommunizieren, menschlich handeln. Hier ist jede und jeder von uns gefragt, jeden Tag. Statt Zukunftssorgen, Neid und Missmut zu verbreiten, braucht es echtes Interesse am anderen, Cleverness und Mut.
Mensch sein, menschlich handeln, das ist der Kern des Weihnachtsfestes. Wir feiern, dass Gott Mensch wurde. Und dass wir alle aus Gottes Liebe leben. Wir sind als Menschen liebesbedürftig und liebenswürdig – wie ein neugeborenes Kind. In der Menschlichkeit liegt unsere Zukunft. Wir glauben, dass das Leben schön sein kann, ja schön ist. „Seid Menschen!“ flüstert das Kind in der Krippe.

Wir wünschen Ihnen allen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest.
Ihr Marius Fletschinger und Christof Ellsiepen