Einen Schatz bewahren

Wandgemälde in St. Vitus werden restauriert

Sie sind mehr als 500 Jahre alt – die Wandmalereien in der Kirche St. Vitus im Stadtteil Handschuhheim. In diesen Wochen wird dieses Kleinod im ehemaligen Seitenschiff einer der ältesten Kirchen in Heidelberg restauriert. Mit Pinsel und Schwamm rückt Restauratorin Silke Böttcher dem Schmutz zu Leibe.

Restauratorin Silke Böttcher erläutert, wie sie die mittelalterlichen Malereien mit Hilfe eines kleinen Schwamms von Schmutz befreit.
Nicht immer pfleglich wurde durch die Jahrhunderte hindurch mit diesem Bilderschatz umgegangen. Beim Einbau von größeren Fenstern, wohl gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wurde ein Teil der Darstellungen zerstört, ein anderer Teil wurde übertüncht. Bei einer Renovierung vor gut 100 Jahren wurden die Reste der Malereien wieder freigelegt und zuletzt in der 1960er Jahren restauriert.
Schmutz und Feuchtigkeit machen den alten Malereien zu schaffen
"Der größte Teil unserer Aufgabe besteht jetzt darin", erläutert Diplom-Restauratorin Silke Böttcher, "die Flächen vom Schmutz zu befreien." Kerzen, Russ und Staub lagern sich auf den Bildern ab. Mit Hilfe von Pinseln, Staubsauger, trockenen Reigungsschwämmen und feuchten Radierschwämmen rückt Böttcher diesem Schmutz zu Leibe. "Außerdem spüren wir solche Stellen auf, an denen der Putz sich löst und binden diese durch Hinterfüllen wieder an." Dazu verwendet sie kleine Spritzen, die sehr an medizinisches Equipment erinnern. Diese Arbeiten sind sehr kleinteilig, so dass Böttcher und ihre Kollegin mehrere Wochen für die rund 126 Quadratmeter große Bilderfläche benötigen.
"Nach der Reinigung", ergänzt Ekkehard Fritz, "wird an einigen Stellen retuschiert, dies geschieht aber sehr zurückhaltend." Fritz, ebenfalls Diplom-Restaurator, begleitet die Maßnahme in St. Vitus mit seiner Expertise. Bei der Retusche gehe es nicht darum, fehlendes zu ergänzen. Sie diene vielmehr dazu, das Betrachten zu erleichtern, "damit das Auge nicht so oft stolpert".
Neben dem Schmutz macht Feuchtigkeit der Wand und damit den Bildern zu schaffen. Im Vorfeld der Restaurierung hatte das Erzbischöfliche Bauamt Heidelberg aussen an der Wand eine Drainage eingebaut, die die Feuchtigkeit in der Wand reduziert. 
Szenen aus der Jugend und Leidensgeschichte Jesu
Die gut erhaltene Darstellung zeigt Jakobus, den Älteren mit Wanderstab, Mantel und charakteristischem Hut. Womöglich war St. Vitus eine Station auf dem Wallfahrtsweg zum Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela.
Obwohl manche Szenen kaum noch zu identifizieren sind, lässt sich das Gesamtprogramm erschließen, da es verbindlichen ikonografischen Regeln folgt. In zwei Reihen übereinander sind Szenen aus dem Leben Jesu dargestellt: links oben an der Ostwand beginnend mit der Verkündigung an Maria, darauf folgen der Besuch Marias bei Elisabeth, an der Südwand die Geburt im Stall von Betlehem, Beschneidung und schließlich die Taufe Jesu im Jordan. Diesen werden im unteren Bereich Stationen aus der Leidensgeschichte Jesu zugeordnet: die Szene am Ölberg, die Gefangenahme Jesu und das Verhör durch Pilatus. Daran schließen sich Geißelung, Kreuztragung, Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung Jesu an. Um die Ecke an der Westwand schließt sich die Darstellung des Jüngsten Gerichts an. Diese Rekonstruktion des in Teilen zerstörten Bilderzyklus' folgt der Beschreibung von Kunsthistoriker Hans Gercke im Kirchenführer der St. Vituskirche. 
Besser erhalten, weil über Jahrhunderte zugemauert, sind die Heiligendarstellungen in den 1961 wieder geöffneten Fensternischen. Sie zeigen den heiligen Wendelin, den Apostel Jakobus sowie die heilige Apollonia und die heilige Odilia.
Die Restaurierung der mittelalterlichen Wandgemälde in diesem Jahr ist sozusagen die Vollendung der Renovierung der Vituskirche aus den Jahren 2017/18. Im Zuge dieser Renovierung war unter anderem Udo Körners 2015 geschaffenes Altartriptychon an der Wand hinter dem Altar angebracht worden.
 
Auch Spenden haben dazu beigetragen, dass die Restaurierung jetzt möglich wurde: Bereits im Oktober 2024 hatte das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen, einen  Spendenscheck von rund 39.000 Euro überreicht. Im Februar dieses Jahres hatte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz aus Mitteln der Lotterie Glückspirale einen Betrag von 30.000 Euro zur Verfügung gestellt.
Nach Abschluss der Arbeiten soll das restaurierte Werk auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Termin sowie Art und Weise dieser Präsentation stehen noch nicht fest.